
Wenn man bald schon auch mit Lehre und 900 Schulstunden in vier Jahren zur Matura kommt, wer bitteschön besucht dann noch eine HAK, eine HTL oder eine AHS?
In Burgenland startet ab November 08 in drei Orten ein Pilotversuch. welches jungen Menschen ermöglicht, mit dem Abschluss des Lehrberufes auch die Matura zu erlangen. Das Land fördert Unternehmen, die das ihren Lehrlingen zur Verfügung stellen, mit insgesamt 2500 Euro. Mittelfristig sollen 10 Prozent der 800 Lehrlinge im Burgenland ihre Lehre mit der Matura abschließen.
Das Wissen für die Matura erlernen die Lehrlinge jeweils freitags. Auf vier Jahre verteilt insgesamt neunhundert Unterrichtsstunden. Unterrichtet werden Deutsch, Englisch, Mathematik und EDV. Ist schlussendlich diese Matura mit der Matura in AHS, BHS oder HTL vergleichbar? Wo man dort doch fünf mal die Woche mit unzähligen Wochenstunden und einem beinahe unüberschaubarem Fächerspektrum konfrontiert wird?
Wenn man nach dem Ende der Schulpflicht vor der Entscheidung steht, ob man nun eine weiterbildende höhere Schule besucht oder eine Lehre beginnt, spricht jetzt natürlich viel für eine Lehre. Man verdient Geld, kann die Matura machen und steht abschließend als junger Mann/junge Frau da, welche/r den Abschließenden der höheren Schulen in manchen Dingen bei weitem voraus sind. Durch dieses Pilotprojekt werden höhere Schulen und im weiteren Sinne auch die Matura abgewertet.
Wenn man technisch begabt ist, und danach ein technisches Studium beginnen möchte, ist man meiner Meinung nach in einer HTL um einiges besser aufgehoben. Und die Bildung eines Maturanten, der vier oder fünf Jahre lang fünf Tage wöchentlich in die Schule geht, ist weiter über dem Bildungsniveau eines Lehr-Maturanten. Das kann man wohl unumstritten feststellen. Denn nie könnte man in 900 Stunden in 4 Jahren und 4 Fächern so viel lernen, wie man es in weiterbildenden höheren Schulen tut.
Deswegen bin ich diesem Versuch der burgenländischen Landesregierung sehr abgeneigt. Zu wenig durchdacht, zu schnell beginnend. Und vielleicht auch nur ein verzweifelter Versuch, die Akademikerquote zu steigern.



Schnellschüsse gibt es im Bildungssystem derzeit einige und oft ist dann das Gegenteil von “gut” wirklich “gut gemeint”. Ich glaube allerdings, dass sich diese große Zahl von Berufsreifegeprüften (denn eine Berufsreifeprüfung ist es ja eigentlich) selbst reguliert: Die meisten davon wollen ja gar nicht studieren, oft ist der Nachweis einer Berufsreifeprüfung oder Abend-Matura nur in der Firma gefragt, als Zeichen, (fort)bildungswillig zu sein. Außerdem muss jedem Berufsreifepürungs-Absolventen klar sein, dass er für ein Studium noch einiges nachbüffeln muss – oder es wird ihm am Studienbeginn klar.
Um die BHS (ob jetzt HTL, HAK, wirtschaftliche Richtung oder andere) mache ich mir da eher wenig Sorgen – um die “gute alte” AHS-Oberstufe schon mehr. Wenn die nichts Besonderes zu bieten hat, wird sie in einem Pool von Ausbildungsmöglichkeiten, die Matura plus mehr oder minder Berufsaus- oder -vorbildung (ob jetzt mit Lehrabschluss oder nicht, z.B. BAKIP) vermitteln, über kurz oder lang untergehen. Ich wäre ja dafür, dass die AHS zum Ort einer tatsächlichen wissenschaftlichen Vorbildung wird. (Mehr dazu demnächst auf meinem Blog.)