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Oh Du Mein.

Abscheuliches Österreich.

24 Jahre. Eingesperrt, misshandelt, bedroht. Sieben Kinder gebärend. Der Täter? Der Vater. – Die Titelseiten sind gesäumt mit Reportagen rund um diesen Fall. Das weltweite Interesse, der Fokus der internationalen Nachrichtenlandschaft zeigt auf eine kleine Stadt in Niederösterreich.

Wir sind. Sind wir ein Volk voller verrückter, abscheulicher Sexualstraftäter. Hat jeder irgendein Geheimnis in seinem Keller oder dem Raum unter seiner Garage. Kann man sich überhaupt noch auf die Straße trauen, oder muss man als Frau schon Angst haben, entführt und vergewaltigt zu werden. Ich weiß es nicht. Vielleicht steckt so ein Gen in uns allen. In allen Bewohnern der Alpenrepublik. Die Einen leben es aus und die anderen unterdrücken es und werden zu Mördern, zu Amokläufern und zu Briefbombenbauern.

2006 der Fall rund um Natascha Kampusch und ihrem Entführer Priklopil. Achteinhalb Jahre gefangen, in einem Raum unter der Garage. Manchmal mit Ausgang, sie war sogar Einkaufen und einmal sogar Skifahren. Flüchten konnte sie nie. In zahlreichen Fernsehinterviews und geplanten Zeitungsreportagen wurden mehr und mehr Teile aufgedeckt. Und erst kürzlich der Tabubruch einer österreichischen Gratistageszeitung. Sie hat Akten der Staatsanwaltschaft irgendwie in die Hände bekommen und sie veröffentlicht. Ohne auf Aktengeheimnis und Arztgeheimnis zu achten. Der Fall Natascha Kampusch ruht noch lange nicht.

2008 nun der Fall rund um Elisabeth F. und ihren Vater Josef. Um die 7 Kinder, eines verstorben, drei im Keller aufgewachsen, drei andere wiederum bei ihrem Vater und gleichzeitig Großvater und ihrer Großmutter im Haus. Dutzende Medien belagern nun die Stadt und suchen nach Antworten auf das Unfassbare.

Antworten auf das Unfassbare. Wie kann man so etwas je wirklich verstehen. Dass jemand seine eigene Tochter 24 Jahre in einem Kellerverlies gefangen hält. Dass 24 Jahre lang niemand, nicht die Nachbarn, nicht die Bewohner des Hauses, dass rein niemand etwas bemerkt haben soll. Dass drei Kinder noch nie das Tageslicht gesehen haben. Man findet keine Antworten darauf.

Man kann nur Fakten und Erzählungen zu einer Geschichte zusammenfügen. Zum Tathergang. Man kann erfahren, wie sie gelebt haben, aber man kann es nie irgendwie richtig erfassen. Doch Medien versuchen manchmal erst gar nicht, etwas zu erfassen. Sie kombinieren.

Erste weltweit interessante Geschichte nach der Mitte-Rechtsregierung 2000? Natascha Kampusch 2006, stimmt. Zweite weltweit interessante Geschichte? Elisabeth F. 2008. Das heißt, ja. Oh, du mein abscheuliches Österreich.

„Warum werden in Österreich solche Bestien geboren?“ (Dziennik, Polen)

„Die österreichischen Politiker sind schockiert. Oder sind sie verantwortlich? In Österreich zeigen die Politiker gerne, wie erschüttert sie sind. Sie haben dabei keine Angst, dass sie vielleicht zur Verantwortung gezogen werden könnten.“ (Jutarnji list, Zagreb, Kroatien)

„Perversion oder Krankheit… Schon wieder in Österreich. Wieder erreichen uns aus Österreich Nachrichten, die uns umwerfen. So wie die Entführung von Natascha Kampusch. (…) Wieder kam das aus Österreich, der Heimat von Freud, dem Geistesriesen, der uns die im Unbewussten schlummernde Sexualität erweckte.“ (EL Pais, Madrid, Spanien)

„Die Österreicher rufen nun nach Gesetzen, doch neue Gesetze werden kaum neue Grausamkeiten verhindern. Wirkungsvoller ist das Entsetzen, das der Skandal in Amstetten hervorgerufen hat. Eine der Lehren aus dieser Tragödie ist, dass eine Gemeinschaft ohne wirkliche zwischenmenschliche Kommunikation keine Gemeinschaft ist.“ (The Times, London, Großbritannien)

Weitere Pressestimmen

Österreich. Oh du mein abscheuliches Österreich. Land der Bestien, der Massenmörder, der Ewiggestrigen. Land der Sexualstraftäter, Land der Entführer und Wahnsinnigen. Land des Schweigens, Land des Entsetzens. Was richtest du nur mit uns an. Oh du mein abscheuliches Österreich.

Was lernen wir daraus? Ich habe keine Ahnung. Der Fall Kampusch hat mir gezeigt, dass mich die bis ins Detail gehende Aufklärung des Falles nicht interessiert. Ich muss nicht alles wissen. Und Frau Kampusch hat ein gewisses Gespür zum richtigen Zeitpunkt Fernsehinterviews zu geben. Sie ist unwiderbringlich Teil der Medienwelt und wie sagt die Berliner Tageszeitung:

„Die Verantwortung der Medien liegt darin, wenigstens jetzt die Würde der Opfer zu wahren. Natascha Kampusch kämpft – recht erfolgreich – bis heute gegen die Medien um dieses Recht. Dass sie überhaupt kämpfen muss, ist beschämend. Denn der Grat zwischen legitimem Interesse und entwürdigender Belästigung mag schmal sein – zu verfehlen ist er eigentlich nicht.“ (Tageszeitung, Berlin, Deutschland)

Wir müssen den Opfern mit Würde begegnen. Das ist schon ein kleiner Teil. Das sich Österreich den Vorwurf des Schweigens, des Nicht-Nachfragens gefallen lassen muss, kann ich nachvollziehen. Was weiß man schon. Österreich ist nicht das Land der gefeierten Nachbarschaftsparties. Mit dem einen versteht man sich, mit dem anderen nicht. Und war doch der Täter und seine Familie eine nette, unscheinbare Familie in dieser Kleinstadt, die dem Fall den Namen gibt. Fall Amstetten.

Für mich ist es unfassbar. Ich finde nicht genug Worte, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was diese Menschen erleiden mussten. Aber vielleicht sollte dieser Fall uns wirklich etwas zu denken geben. Unsere Gesellschaft ist marode. Alte Menschen sterben alleine in Wohnungen und werden erst bemerkt, als ihr Leichnam schon schrecklich stinkt. Das liest man oft in Zeitungen. Und eben die zwei Entführungsfälle. Wir sind nicht alle abscheulich. Wir haben genausoviele verabscheuungswürdige Kreaturen wie ihr alle, ihr, in euren Ländern, die nun über Österreich schreiben, als hätten wir eigene Schulen für Sexualstraftäter, für Pädophile, Entführer. Wir sind Österreich und ich bin stolz darauf.

Österreich. Oh du mein Österreich. Ein Land, welches leider nur dadurch ins globale Nachrichtennetzwerk eingeschleust wird. Was können wir schon leisten, um gerecht beurteilt zu werden. Natürlich fallen zwei solch schwerwiegende Fälle ins Gewicht und Österreich wird abgestempelt. Ein bisschen mehr Objektivität bitte, meine lieben Medien. Vor allem Belgien und die Niederlande sprechen wunderschön von Österreich.

„Das kann doch kein Zufall sein. Ist die soziale Kontrolle in dem etwas desolaten Bergland vielleicht geringer, und können Menschen dadurch leichter verschwinden?“ (Belgien)

Gerade Belgien. Ich habe zumindest auch nicht von diesem kleinen Land geglaubt, dass es druch Marc Dutroux, zum Land der Kinderschänder geworden ist. Man müsste halt nur mal überlegen und differenzieren. Verallgemeinern hilft vielleicht beim Verstehen, beim Aufarbeiten des Ganzen, kann es aber vielmehr ein Hindernis sein.

Was bist du nun, oh du mein. Österreich? Das Land der Entführer, der Sexualstraftäter, der Bombenleger. Das Geburtsland von Adolf Hitler. Alles nur Verrückte? Vielleicht. Vielleicht sind wir das. Vielleicht bin auch ich nur verrückt. Aber vielleicht findet man noch mehr. Noch mehr, was man in Österreich sein kann. Aber dafür müsste man ja genauer hinsehen. Mit mehr Objektivität. Und das dauert, meine Lieben. Das dauert. Also. Oh du mein Österreich, Land der Verrückten und des Sexualstraftäter, der Entführer, der Wegschauer, der Bombenleger. Oh du mein abscheuliches Österreich.

lahja’s Gedanken

Der Eisberg und die Titanic.

Bevor der Eisberg schmilzt, rammt er noch schnell ein ganz großes Schiff. Aktuelles Beispiel: Der ehemalige Kripo-Chef Herwig Haidinger in der Rolle des Eisklotzes und das Schiff wird gespielt vom Vertrauen in die Exekutive und die Politik. 

Bis vor wenigen Tagen kannte man diesen Typen gar nicht. Fahles Gesicht, unscheinbares Auftreten, aber doch eine scheinbar große Rolle in unserem Land. Als er den Mund öffnet, plötzlich gespanntes Lauschen. Er packt aus. Jeden Tag kommen mehr und mehr Vorwürfe zum Vorschein, die den Otto Normalwähler einfach nur mehr den Kopf schütteln lassen. Hatte man doch bis dahin immer noch irgendwie den Glauben, auf einer Insel der Seeligen zu wohnen.

Zehn Jahre nach dem Verschwinden und zwei Jahre nach dem Wiederauftauchen von Natascha Kampusch erfährt man, dass schon wenige Wochen bzw. Monate nach dem Verschwinden Wolfgang Prikopil zum Verdächtigenkreis gehörte, aber nach einer Ermittlungsfehler nicht weiter observiert wurde. Als der Skandal 2006, kurz vor der Wahl, öffentlich werden sollte, wurde Haidinger von der damaligen Innenministerin Liese Prokop zurückgehalten. Man wolle ja keine Affäre aus dem ganzen machen. Frau Kampusch zeigte sich im erneuten Interview mit Herrn Feurstein erneut souveran und gefasst, was einen ob der immensen Menge an neuen (heftigen) Details ein kleines bisschen überrascht.

Schließlich sprach Haidinger auch über die Bawag-Affäre. Das einzige richtige Wahlkampfthema der ÖVP, mit dem man die Sozialdemokraten attackieren konnte, sollte sich nun zu einer anderen Affäre entwickeln. Denn die Polizei musste im Auftrag des damaligen Innenministeriums Akten, die gegen die SPÖ sprachen, über den Umweg der ÖVP, zum Untersuchungsausschuss schaffen.

Vorwürfe könnte man jetzt viele machen. Zum Beispiel „politischer Missbrauch der Ermittlungen“ im Kriminalfall BAWAG, „die politisch motivierte Unterlassung der Untersuchung von Ermittlungspannen“ im Fall Kampusch und auch noch das „mutwillige Veranlassen strafrechtlicher Ermittlungen gegen politisch nicht opportune Rechtsanwälte“ (Quelle: diepresse.com). So werden nach dem Bawag-Prozess in den nächsten Jahren noch einige wichtige Gerichtsverfahren folgen. Und doch wird es maximal nur zu Verurteilungen kommen.

Zurück bleibt der Vertrauensbruch zur Polizei. Wenn sie sowieso nur alle Marionetten der Regierung sind, verlieren sie mehr und mehr an Glaubwürdigkeit. Vom „Freund und Helfer“ werden sie zum Spielball der Politik. Wahrscheinlich muss dann die Regierung wieder eine Expertengruppe einsetzen, um das Image der Exekutive wieder aufzupolieren. Steuergelder hat man ja genug. Und die Politik? Eine ÖVP, die Fehler nicht eingestehen kann, und anfangs sich fast um Kopf und Kragen geredet hat. Eine ÖVP, die ihre Macht ausnützt um Gegner zu degradieren. Eine SPÖ, die zwar am liebsten einen Untersuchungsausschuss haben möchte, aber sich irgendwie nicht wirklich traut. Eine SPÖ, die noch viel mehr Marionette der ÖVP zu sein scheint, als es die Polizei jemals war.

Und dann sieht man die Zeit im Bild und liest die Tageszeitung und fragt sich: Haben wirklich 3,2 Millionen Österreicherinnen und Österreicher eine solche Politik gewählt? Das Traurige aber ist, dass die Regierung jetzt wohl nicht auseinanderbrechen wird. So hoch würden die Verluste für beide Parteien sein. Lieber weiterstreiten, die Menschen verunsichern und den Glauben in eine Demokratie verschwinden lassen. Und sich einschließen, im Nationalrat oder der Sandkiste, denn da, ja da … ist alles noch wie eine Insel. Eine Insel der Heiligen. Ähm. Der Scheinheiligen.